Merkblatt: Frühgeburt und vorgeburtliche Steroidbehandlung
Was ist eine Frühgeburt?
Normalerweise setzen die Wehen nach neun Schwangerschaftsmonaten ein. Verläuft eine Schwangerschaft bis zu ihrem normalen Ende, spricht man von einer Terminschwangerschaft. Eine Termingeburt bedeutet, dass das Kind in den Wochen um die 40. Schwangerschaftswoche herum geboren wird. Gelegentlich setzen die Wehen aber viel früher ein oder es kommt zu Schwangerschaftskomplikationen, die eine frühere Geburt des Kindes nötig machen, eventuell durch einen Kaiserschnitt. Wird eine Schwangerschaft durch eine solche Operation oder die Einleitung der Wehen durch die behandelnden Ärztinnen und Ärzte vorzeitig beendet, spricht man von einer elektiven Frühgeburt. Setzen die Wehen von allein ein, bezeichnet man dies als spontane Frühgeburt.
Frühgeburten kommen recht häufig vor: In Deutschland enden etwa 7 von 100 Schwangerschaften (7 %) vor dem Termin. Zu den Risikofaktoren für Frühgeburtlichkeit gehören beispielsweise Infektionen oder Probleme am Gebärmutterhals (Zervix). Auch Mehrlingsschwangerschaften stellen einen Risikofaktor dar: Etwa die Hälfte aller Zwillingsschwangerschaften und nahezu alle Drillingsschwangerschaften enden mit einer Frühgeburt. Meist findet sich allerdings keine Erklärung für das vorzeitige Ende der Schwangerschaft.
Alle vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche geborenen Kinder gelten als Frühgeborene. Da sich der Körper des Kindes zu dieser Zeit noch immer sehr rasch weiterentwickelt, kann jede Woche für seine Lebensfähigkeit außerhalb der Gebärmutter einen großen Unterschied bedeuten. Je nach der Dauer der Schwangerschaft - mit einer Differenz von jeweils etwa einem Monat - werden drei Gruppen von Frühgeborenen unterschieden: extrem früh Geborene (weniger als 28 Schwangerschaftswochen), sehr früh Geborene (28 bis 31 Schwangerschaftswochen) und mäßig früh Geborene (32 bis 37 Schwangerschaftswochen).
Je unreifer das Neugeborene, umso kleiner und weniger entwickelt ist es. Das Neugeborene kann sich zwar außerhalb der Gebärmutter weiterentwickeln, eine zu frühe Geburt beeinträchtigt aber vor allem die Atemfähigkeit des Kindes: Seine Lungen entwickeln sich zwar bereits von Beginn der Schwangerschaft an, sind aber erst nach ungefähr 32 Schwangerschaftswochen tatsächlich soweit herangereift, dass sie eigenständig arbeiten können. Ansonsten gesunde, mäßig früh geborene Kinder haben deshalb auch ein geringeres Risiko für Probleme als "sehr früh" und "extrem früh" Geborene.
Woran erkenne ich vorzeitige Wehen?
Wenn Sie das Gefühl haben, bei Ihnen setzen vorzeitige Wehen ein, ist Ihre Vermutung höchstwahrscheinlich richtig. Deshalb sollten Sie sich mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, Ihrer Hebamme oder dem Krankenhaus in Verbindung setzen. Vor allem vor Vollendung der 32. Schwangerschaftswoche bedeuten vorzeitige Wehen einen Notfall. Je früher Sie eine gute medizinische Versorgung erhalten, desto besser kann Ihrem Kind geholfen werden.
An zwei Hauptzeichen können Sie erkennen, dass bei Ihnen womöglich vorzeitige Wehen einsetzen:
- Sie spüren regelmäßige Kontraktionen (Wehenschmerz).
- Fruchtwasser geht ab, das bedeutet, die Fruchtblase, die Ihr Baby in der Gebärmutter umgibt, ist geplatzt (Blasensprung).
Dabei sind regelmäßige Kontraktionen als Zeichen für vorzeitige Wehen wichtiger als die Schmerzen: Tatsächlich können sich vorzeitige Wehen eher wie Krämpfe als Schmerzen anfühlen. Dass sich die Gebärmutter in der Schwangerschaft gelegentlich zusammenzieht (kontrahiert), ist normal, auch wenn Sie keine Wehen haben. Wenn diese Kontraktionen aber sehr regelmäßig auftreten und nicht wieder verschwinden, könnte es sich um Geburtswehen handeln. Auch hellrote Blutungen bedeuten immer einen Notfall.
Was kann ich bei vorzeitigen Wehen tun?
Es gibt vier wichtige Aspekte, die Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt besprechen können, wenn Sie vorzeitige Wehen haben:
- die Entscheidung über den Entbindungsort - möglicherweise müssen Sie Ihre Pläne ändern, wenn die Einrichtung, in der Sie Ihr Kind ursprünglich zur Welt bringen wollten, nicht über optimale Bedingungen verfügt. Frühgeborene mit sehr geringem Geburtsgewicht, die in Krankenhäusern mit großen Neugeborenenstationen versorgt werden, scheinen ein geringeres Sterberisiko zu haben. Mehr darüber können Sie hier lesen.
- bestimmte Medikamente (sogenannte Tokolytika), die häufig eingesetzt werden, um zu versuchen, die Kontraktionen zu stoppen;
- die Gabe von Antibiotika, wenn für Sie und/oder Ihr Kind ein Infektionsrisiko besteht;
- die Steroidbehandlung, die helfen kann, die Lungenreifung Ihres ungeborenen Kindes zu unterstützen und zu beschleunigen.
Manchmal können Tokolytika vorzeitige Wehen zum Stillstand bringen, häufiger aber zögern Sie die Geburt für eine Weile hinaus. Dies ist wichtig, weil selbst ein geringer Zeitgewinn - und sei es auch nur ein Tag - viel bewirken kann. Es ist diese Verzögerung, die Ihnen die Zeit gibt, Kortikosteroide zu verwenden, wenn diese Mittel für Sie und Ihr Baby geeignet sind.
Wie können Kortikosteroide meinem Baby helfen?
Kortikosteroide sind künstlich hergestellte Abkömmlinge natürlicher menschlicher Hormone. Wenn einer Schwangeren diese Medikamente gespritzt werden, gelangen sie auch in die Lungen des ungeborenen Kindes. Ein "Zyklus" dieser Steroidbehandlung bedeutet normalerweise mindestens zwei Spritzen innerhalb eines Tages.
Im Zeitraum zwischen der 26. und 33. Schwangerschaftswoche können Kortikosteroide eine sehr rasche Lungenreifung des Kindes auslösen: Bereits ein einziger Zyklus kann die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass die Lungen Ihres Babys bei der Geburt besser funktionieren.
Wenn Schwangere in diesem Zeitraum eine Steroidbehandlung bekommen, haben viele der Frühgeborenen eine bessere Überlebenschance. Zu den nachgewiesenen Vorteilen der pränatalen Kortikosteroidtherapie für das Neugeborene gehören:
- Ein geringeres Risiko für schwerwiegende Atemfunktionsstörungen: Das Risiko reduziert sich von 26 auf knapp über 17 %, was bedeutet, dass schwerwiegende Atemprobleme bei der Geburt bei zusätzlich 9 von 100 Neugeborenen vermieden werden können.
- Ein deutlich geringeres Risiko für Hirnblutungen (intraventrikuläre Hämorrhagie) oder nekrotisierende Enterokolitis (NEC), eine schwerwiegende Darmerkrankung.
- Eine verbesserte Überlebenschance: Pro 1000 Schwangeren, die die Steroidbehandlung bekommen, bleiben zusätzlich 47 der lebend geborenen Säuglinge am Leben.
Mehr über die Studien, in denen diese Vorteile nachgewiesen wurden, finden Sie hier. Die Neugeborenen profitieren von der Steroidbehandlung. Meist reicht ein einziger Kortikosteroidzyklus aus.
Wie steht es mit den unerwünschten Wirkungen von Kortikosteroiden?
Bei der Gabe von nur einem Steroidzyklus wurden keine unerwünschten Wirkungen auf das Neugeborene beobachtet. Studien, in denen die Säuglinge bis in die Kindheit oder das Erwachsenenalter nachbeobachtet wurden, konnten keine definitiven Unterschiede bezüglich Wachstum oder Entwicklung feststellen, wenn die Mütter zur Unterstützung der Lungenreifung ihres ungeborenen Kindes einen Zyklus Kortikoide erhalten hatten.
Möglicherweise können unerwünschte Wirkungen bei dem Kind auftreten, wenn mehr als ein Zyklus von Kortikosteroiden verwendet wird. Zusätzliche Risiken, die mit der Gabe mehrerer Zyklen dieser Mittel einhergehen, ließen sich aber dadurch vermeiden, dass nur ein Zyklus verabreicht wird oder das Medikament bei wiederholten Zyklen nur in niedrigeren Dosierungen eingesetzt wird.
Es wurde beobachtet, dass mehr Frauen, die Kortikosteroide bekommen haben, nach der Geburt eine Sepsis (schwere bakterielle Infektion) bekamen als Mütter, die diese Mittel nicht bekommen hatten. Um herauszufinden, ob es sich dabei um Zufall handelt oder der Einsatz des Medikaments tatsächlich ein erhöhtes Sepsisrisiko birgt, ist die Durchführung weiterer Studien erforderlich. Erhebliche Nebenwirkungen für die Schwangeren, die sicher der Verwendung von Kortikosteroiden zugeordnet werden konnten, wurden nicht nachgewiesen.
Wird mein Baby gesund zur Welt kommen?
Wenn Ihr Baby zu früh geboren wurde, wird es von einem Spezialteam betreut, das das Neugeborene sorgfältig überwacht, auch wenn es sich nur um eine mäßig frühe Geburt gehandelt hat. Unter Umständen benötigt das Neugeborene sehr viel Unterstützung, damit es richtig atmen kann, warm bleibt und ausreichend Nährstoffe erhält. Das könnte bedeuten, dass das Neugeborene eine Spezialbetreuung oder Intensivpflege braucht und zur Überwachung und Atemunterstützung an mehrere Geräte angeschlossen werden muss.
So wie die pränatale Gabe von Kortikosteroiden die Lungenreifung des Ungeborenen fördert, kann nach der Geburt ein Wirkstoff namens Surfactant helfen, die Atmung zu unterstützen. Unreife Lungen sind steif, sodass sie sich nur schwer entfalten können, was zum problemlosen Ein- und Ausatmen nötig wäre. Surfactant ist eine flüssige Substanz, die das Kind normalerweise etwa nach der 32. Schwangerschaftswoche selbst produzieren würde.
Ein Baby zu haben, bei dem schwerwiegende Komplikationen auftreten oder das eine Spezialbetreuung oder Intensivpflege benötigt, bedeutet für die Familie meist eine Zeit voller Ängste und Sorgen. Aber selbst wenn Ihr Baby durch Spezialistinnen und Spezialisten betreut werden muss, können auch Sie selbst eine ganze Menge für Ihr Kind tun. Sie können es später möglicherweise immer noch stillen, und das Baby könnte mit Ihrer Milch ernährt werden, sobald es diese verträgt. Zu den wichtigen Dingen, die Sie selbst beitragen können, gehört also, (vielleicht mit Unterstützung) Ihre Milchproduktion auch dann anzuregen und Milch zu gewinnen bzw. abzupumpen, wenn Sie Ihr Kind noch nicht stillen können. Wichtig ist vor allem auch, dass Sie sich um sich selbst kümmern, damit Sie sich von der Geburt erholen, Ihre Gefühle verarbeiten und sich darauf vorbereiten können, sich möglichst umfassend an der Versorgung Ihres Babys zu beteiligen.
Wenn Ihr Baby einen Monat alt ist, wird es wahrscheinlich die Größe erreicht haben, die dem entsprechenden Schwangerschaftsstadium entspräche: Wenn Ihr Kind beispielsweise nach sieben Schwangerschaftsmonaten geboren wurde, wird es im Alter von einem Monat etwa die Größe eines ungeborenen Kindes nach acht Schwangerschaftsmonaten aufweisen. Eine Zeitlang wird Ihr Baby also noch "jünger" sein als termingeborene Säuglinge. Wie gut es Ihrem Kind gehen wird, hängt von einer Vielzahl von individuellen Faktoren ab, die eine Vorhersage schwer machen. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass Ihr Kind das Krankenhaus ungefähr zu dem Zeitpunkt verlassen kann, an dem es termingerecht geboren worden wäre.
Autor: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)
- Erstellt am: 14. März 2008 08:05
- Letzte Aktualisierung: 24. Oktober 2008 16:19
-
Quelle:
Crowther CA, Harding JE. Repeat doses of prenatal corticosteroids for women at risk of preterm birth for preventing neonatal respiratory disease. Cochrane Database of Systematic Reviews 2007, Issue 3. [Cochrane-Zusammenfassung]
Enkin M, Keirse MJNC, Neilson J, Crowther CA et al. A guide to effective care in pregnancy and childbirth. Third edition. Oxford: Oxford University Press. 2000. [Volltext]
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Zusammenhang zwischen Leistungsmenge und Ergebnis bei der Versorgung von Früh- und Neugeborenen mit sehr geringem Geburtsgewicht. Abschlussbericht V07-01. Version 1.0. Köln: IQWiG. August 2008. [Volltext]
Roberts D, Dalziel S. Antenatal corticosteroids for accelerating fetal lung maturation for women at risk of preterm birth. Cochrane Database of Systematic Reviews 2006, Issue 3. [Cochrane-Zusammenfassung]
Stiles AD. Prenatal corticosteroids - early gain, long-term questions. NEJM 2007; 357: 1248-1250.
Working Party on Preterm Birth, Bastian H (Vorsitzende). Care around preterm birth: a guide for parents. Canberra: National Health and Medical Research Council. 1997.
Hierzu passende Themenbereiche:
Besucher, die diese Seite besuchten, haben auch folgende Seiten aufgerufen:
Häufig gestellte Fragen
Links zum Glossar
Thema abonnieren
Das Thema dieses Artikels abonnieren
Nutzerbefragung
Um unsere Webseite laufend zu verbessern, benötigen wir Ihre Mithilfe.
Bitte nehmen Sie hierzu an unserer Befragung teil.
Bitte nehmen Sie hierzu an unserer Befragung teil.
- zur Befragung (Link öffnet sich im neuen Fenster)

