Tinnitus: Kann eine kognitive Verhaltenstherapie helfen, besser mit Ohrgeräuschen zurechtzukommen?
In Industrieländern wie Deutschland haben bis zu 18 von 100 Menschen einen Tinnitus (18 %): Sie hören ständig ein Geräusch wie zum Beispiel ein Klingeln, Summen oder Pfeifen, das nicht von einer äußeren Schallquelle erzeugt wird. Nur die Betroffenen selbst können das Geräusch hören. Das bedeutet nicht, dass die Menschen es sich einbilden - es ist wirklich da. Manchmal treten die Ohrgeräusche nur vorübergehend auf und verschwinden nach einer Weile wieder. Manchmal bestehen sie über Wochen oder Monate, manchmal können sie auch Jahre andauern.
Bei den meisten Menschen sind die Beschwerden eher gering. Doch etwa eine von 200 Personen fühlt sich von den Ohrgeräuschen deutlich beeinträchtigt (0,5 %). Diese Menschen können Konzentrations- oder Schlafstörungen haben, teilweise auch Depressionen. Allerdings ist nicht klar, ob der Tinnitus zur Entstehung einer Depression beiträgt oder ob Menschen mit einer Depression den Tinnitus einfach als besonders belastend erleben.
Ein Tinnitus ist nicht leicht zu behandeln. Über Ohrgeräusche und verschiedene Möglichkeiten zu ihrer Behandlung können Sie hier mehr lesen. Ein Weg, um eine chronische Erkrankung oder ein anhaltendes Problem wie Tinnitus besser zu bewältigen, sind Beratungsgespräche auf der Basis der sogenannten kognitiven Verhaltenstherapie (KVT). Dabei geht es nicht um die Behandlung der Ohrgeräusche an sich, sondern darum, wie man im Alltag besser mit ihren Auswirkungen zurechtkommt.
Wie man mit den Ohrgeräuschen umgeht, kann das Leben mit Tinnitus erleichtern oder erschweren
Die Gehirnbereiche, die durch einen Tinnitus beeinflusst werden, spielen auch für unsere Gefühle eine wichtige Rolle. Dies ist einer der Gründe dafür, dass ein Tinnitus so belastend sein kann. Dass die meisten Menschen mit Ohrgeräuschen recht gut zurechtkommen, andere aber nicht, liegt unter anderem daran, dass Menschen unterschiedlich auf chronische Gesundheitsprobleme reagieren.
Die Theorie der KVT geht davon aus, dass bestimmte Gedanken und Verhaltensweisen das Leben mit Tinnitus erschweren. Eine Psychotherapeutin oder ein Psychotherapeut mit KVT-Ausbildung hilft dabei, diese zu erkennen - um dann Möglichkeiten zu finden, sie zu verändern. Dazu wird gemeinsam ein bestimmtes Muster aus typischen Gedanken und Verhaltensweisen durchgearbeitet. Ziel ist, die Wahrnehmung der Ohrgeräusche so zu verändern, dass sie als weniger störend erlebt werden.
Zum Beispiel neigen manche Menschen zu Denkmustern, die in der Psychologie als "Katastrophisierung" bezeichnet werden. Sie glauben zum Beispiel: "Der Tinnitus hat mein Leben zerstört und ich werde nie wieder glücklich sein können." Das Problem ist, dass Vorstellungen wie diese sich zu einer "selbst erfüllenden Prophezeiung" entwickeln können. Dies ist ein Beispiel für einen "kognitiven" (gedanklichen) Prozess, den es zu ändern gilt.
Einige Menschen verhalten sich wegen des Tinnitus anders als gewohnt, worunter ihre Lebensqualität leiden kann: Sie gehen zum Beispiel nicht mehr auf Partys, weil es dort sehr laut sein kann. Häufig ist ihnen nicht bewusst, dass sie sich eher schaden als helfen, wenn sie auf Dinge verzichten, die ihnen Freude bereiten. Dies ist ein Beispiel für Verhaltensweisen, die sich mithilfe einer KVT auch wieder ändern lassen.
Eine KVT bei Tinnitus wird von der gesetzlichen Krankenkasse erstattet, wenn ein "erheblicher Leidensdruck" besteht oder der Tinnitus in Zusammenhang mit einer anderen Erkrankung auftritt, wie zum Beispiel einer Depression.
Studien zur kognitiven Verhaltenstherapie bei Tinnitus
Um herauszufinden, ob eine kognitive Verhaltenstherapie Menschen mit Tinnitus helfen kann, haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Cochrane Collaboration die aussagekräftigsten Studien zu diesem Thema ausgewertet. Sie fanden sechs randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt knapp 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Solche Studien sind die sicherste Methode, um herauszufinden, ob eine Behandlung wirkt. Das Prinzip: Die freiwillig Teilnehmenden werden nach dem Zufallsprinzip in zwei oder mehr Gruppen eingeteilt. Eine Gruppe erhält eine KVT, während die Vergleichsgruppe eine andere Behandlung bekommt (oder keine Behandlung erhält). Der Zufall gewährleistet, dass sich die Gruppen möglichst ähnlich sind - und damit vergleichbar. Sollte es einer der beiden Gruppen am Ende der Studie deutlich besser gehen, lässt sich mit einiger Sicherheit sagen, dass dies auf den Erfolg der Behandlung zurückzuführen ist.
In den sechs Studien zur kognitiven Verhaltenstherapie bei Tinnitus erhielten die Vergleichsgruppen entweder eine einfache Beratung, die nicht auf dem KVT-Ansatz beruhte, eine Entspannungstherapie, eine Schulung, oder sie praktizierten Yoga. In manchen Studien erhielt die Vergleichsgruppe zunächst keine Behandlung, aber die Möglichkeit, am Ende der Studie eine KVT in Anspruch zu nehmen. An den Studien nahmen Männer und Frauen im Alter von 45 bis 70 Jahren teil. Daher ist nicht bekannt, wie eine KVT bei Kindern und Jugendlichen wirkt.
Die Forschungsergebnisse
Die Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer wurden gefragt, ob sich ihre Ohrgeräusche nach der Behandlung gebessert hatten und wie sich die Therapie auf ihre Lebensqualität auswirkte. Dabei zeigte sich, dass die Gruppen, die eine kognitive Verhaltenstherapie erhalten hatten, ihre Lebensqualität höher bewerteten als die Vergleichsgruppen - auch wenn sich die Ohrgeräusche selbst nicht verringern ließen. Außerdem hatte die KVT einen Einfluss darauf, wie stark die Männer und Frauen in den Studien ihren Tinnitus empfanden, obwohl sich der Geräuschpegel selbst nicht verändert hatte.
Die Forscherinnen und Forscher schlossen aus diesen Ergebnissen, dass die Menschen nach einer KVT ihren Alltag besser bewältigen konnten. Wie lange diese günstige Wirkung anhält, bleibt jedoch unklar - die meisten Studien dauerten nur bis zu einem Jahr. Es ist denkbar, dass Menschen langfristig in ihre alten Denkmuster und Verhaltensweisen zurückfallen. Außerdem wissen wir nicht, ob eine KVT auch unerwünschte Wirkungen mit sich bringen kann. In den Studien wurden nur die Lebensqualität der Teilnehmenden, die Schwere ihres Tinnitus und die Art ihrer Ohrgeräusche erfasst. Eine kleine Studie beschäftigte sich zwar auch mit Depressionen, aber zu wenige der Teilnehmenden waren davon betroffen, um hierzu eine Aussage treffen zu können.
Mehr Informationen über die kognitive Verhaltenstherapie finden Sie in unserem Merkblatt.
Autor: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)
- Erstellt am: 28. August 2008 10:34
- Letzte Aktualisierung: 04. September 2008 11:47
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Quelle:
Martinez Devesa P, Waddell A, Perera R, Theodoulou M. Cognitive behavioural therapy for tinnitus. Cochrane Database of Systematic Reviews 2007, Issue 1. [Cochrane-Zusammenfassung]
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