Migräne bei Kindern und Jugendlichen: Können Medikamente oder pflanzliche Mittel Migräneattacken vorbeugen?
Es gibt schwache Hinweise darauf, dass einige Medikamente Migräneattacken bei Kindern und Jugendlichen vorbeugen können. Da es jedoch nicht genügend Studien zur Sicherheit und Wirksamkeit dieser Mittel gibt, sind sie in Deutschland für Kinder und Jugendliche nicht zugelassen.
Manche Menschen haben gelegentlich mit Migräneattacken zu kämpfen, die starke Schmerzen und ein allgemeines Krankheitsgefühl auslösen können. Die Anfälle halten bei Erwachsenen und Jugendlichen mindestens vier Stunden an. Bei Kindern dauern sie mindestens zwei Stunden an, sie treten jedoch nicht allzu oft auf. Die genauen Ursachen von Migräne sind bisher unbekannt. Mehr über die Anzeichen einer Migräne erfahren Sie hier.
Migräneattacken bei Kindern und Jugendlichen können vielleicht verringert werden, wenn man verschiedene Methoden anwendet wie eine Änderung des Lebensstils, dem Erlernen von Entspannungsverfahren oder Techniken, um besser mit der Migräne umzugehen. Mehr darüber können Sie in der Kurzantwort „Migräne bei Kindern und Jugendlichen: Kann man Migräneanfällen ohne Medikamente vorbeugen?“ lesen.
Es kann aber schwerfallen, solche Maßnahmen umzusetzen, und sie helfen auch nicht immer. Manche Kinder und Jugendliche haben trotzdem noch mehr als vier Migräneattacken im Monat – zum Teil mit starken Beschwerden, die sie regelmäßig vom Schulbesuch und anderen Aktivitäten abhalten. Für sie ist die Möglichkeit, der Migräne mithilfe von Medikamenten vorzubeugen, interessant – auch wenn dies bedeutet, täglich Medizin einzunehmen.
Keine Medikamente zur Vorbeugung von Migräneattacken bei Kindern und Jugendlichen bislang zugelassen
Es gibt verschiedene Medikamente, die Erwachsene einnehmen können, um Migräneattacken vorzubeugen. Dies bedeutet allerdings nicht, dass diese Mittel auch bei Kindern helfen: Zum einen können Arzneimittel auf den Organismus eines Heranwachsenden anders wirken, zum anderen unterscheidet sich die Migräne bei Kindern von der bei Erwachsenen. Aus diesem Grund können die Forschungsergebnisse zu Migränemedikamenten bei Erwachsenen nicht einfach auf Kinder und Jugendliche übertragen werden.
Es gibt noch nicht viele Studien zu Migränemitteln bei jungen Menschen hinsichtlich der Vorbeugung von Migräneattacken. Daher haben die für die Überwachung von Arzneimitteln zuständigen Behörden bislang keine Medikamente zur Vorbeugung von Migräne bei Kindern und Jugendlichen zugelassen. In Europa ist die EMA (European Medicines Agency) und in den USA die FDA (Food and Drug Administration) für die Zulassung von Medikamenten zuständig. Einige Länder haben das eine oder andere Mittel nur für das jeweilige Land zugelassen, in den meisten Ländern ist dies jedoch nicht der Fall.
In Deutschland ist von den Behörden bislang kein Mittel zur Vorbeugung von Migräne bei Heranwachsenden als sicher und wirksam eingestuft und deswegen zugelassen worden. Das bedeutet, dass Kinder und Jugendliche solche Mittel nur im "Off-Label-Use" nehmen können. Gemeint ist damit der Einsatz einer Arznei bei einer Patientengruppe oder einer Erkrankung, für die sie keine Zulassung hat. Wenn eine Ärztin oder ein Arzt ein Mittel "off-label" verschreibt, ist sie oder er dazu verpflichtet, Sie darüber aufzuklären. Mehr über den Off-Label-Einsatz von Medikamenten erfahren Sie in der Information „Off-Label-Use: Worauf muss man achten?“
Medikamente und pflanzliche Produkte
Es gibt verschiedene Arten von Medikamenten, die zur Migränevorbeugung bei Erwachsenen und manchmal auch bei Kindern und Jugendlichen im Off-Label-Use eingesetzt werden. Die wichtigsten Mittel, zu denen es Forschungsergebnisse gibt, sind:
- Blutdrucksenkende Mittel (Antihypertensiva): Zu diesen Medikamenten gehören Kalziumblocker (auch Kalziumkanalblocker genannt) wie Flunarizin. Ein anderes blutdrucksenkendes Mittel ist der Betablocker Propanolol. Diese Mittel können verschiedene Nebenwirkungen haben, darunter Benommenheit, Müdigkeit, Verdauungsstörungen und Übelkeit.
- Pflanzliche Präparate und Nahrungsergänzungsmittel: Dazu gehören Mutterkraut und Nahrungsergänzungsmittel mit Magnesium und Vitamin B2. Auch pflanzliche Präparate können Nebenwirkungen haben. Mehr Informationen zur Einnahme von pflanzlichen Präparaten und Nahrungsergänzungsmitteln finden Sie im Spezial „Nahrungsergänzungsmittel und komplementärmedizinische Produkte“.
- Allergie-Medikamente (Antihistaminika): Diese Medikamente blockieren allergische Reaktionen auf unterschiedliche Weise. In manchen Ländern wird ein Mittel aus dieser Gruppe – Pizotifen – auch zur Vorbeugung von Migräne eingesetzt. In Deutschland ist es aber nicht verfügbar.
- Krampflösende Medikamente (Antikonvulsiva): Bei einer schweren Migräne werden manchmal sogenannte Antikonvulsiva eingesetzt, um Migräneattacken vorzubeugen. Hierzu gehört zum Beispiel das Mittel Topiramat. Diese Medikamente dienen eigentlich der Behandlung von Epilepsie, einer bestimmten Nervenerkrankung, die zu Krämpfen führt. Antikonvulsiva sind in Deutschland zur Migränevorbeugung ebenfalls nicht für Kinder und Jugendliche zugelassen.
Forschungsergebnisse zur Vorbeugung von Migräne
In Studien zur Migränebehandlung bei Kindern und Jugendlichen wird normalerweise ein Medikament mit einem Präparat ohne Wirkstoff (Placebo) verglichen. So kann man sicher feststellen, ob ein Medikament gegen Migräne hilft. Bei vielen Kindern und Jugendlichen lässt die Migräne mit der Zeit auch von selbst nach. Ohne eine Studie mit einer Vergleichsgruppe, die kein Medikament nimmt, weiß man nicht, ob das Medikament die Migräne gelindert hat oder ob sie von selbst verschwand.
Wissenschaftler haben Studien zur Vorbeugung von Migräne durch Medikamente bei Kindern und Jugendlichen systematisch ausgewertet. Sie fanden zusammen 26 Vergleichsstudien, die 15 verschiedene Medikamente entweder miteinander oder mit einem Scheinmedikament verglichen. Insgesamt nahmen etwa 1200 Kinder und Jugendliche zwischen 3 und 18 Jahren an diesen Studien teil. Das Ergebnis: Die Forschergruppen zogen den Schluss, dass es zu keinem Medikament genügend Daten gab, um die Vor- und Nachteile sicher abwägen zu können.
Für drei Medikamente gibt es allerdings schwache Hinweise darauf, dass sie die Häufigkeit von Migräneanfällen verringern könnten: Flunarizin, Propanolol und Topiramat. Aber auch zu diesen Medikamenten waren die Forschungsergebnisse zu unsicher. Entweder es gab nur wenige Studien zu einer Frage, die Studien selbst hatten zu wenig Teilnehmende oder die Ergebnisse waren teilweise widersprüchlich.
Auch zu pflanzlichen Medikamenten gibt es bislang zu wenig Forschung, um beurteilen zu können, ob sie einer Migräne vorbeugen können oder nicht.
Falls Ihr Kind ein Medikament einnimmt, ist es wichtig, die Anwendung alle paar Monate zu überprüfen. Bei vielen Heranwachsenden vergeht die Migräne mit der Zeit von selbst; ein Nachlassen der Beschwerden ist also nicht unbedingt auf die Medikamentenwirkung zurückzuführen. Mehr über Migräne bei Kindern und Jugendlichen können Sie in unserem Spezial „Migräne“ lesen.
Autor: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)
Nächste geplante Aktualisierung: März 2015. Mehr darüber, wie unsere Gesundheitsinformationen aktualisiert werden, erfahren Sie in unserem Text „Gesundheitsinformation.de: Wie unsere Informationen entstehen“.
- Letzte Aktualisierung: 30. März 2012 10:53
- Erstellt am: 09. Dezember 2008 16:38
- Historie: Liste anzeigen
- Quellen:
Die IQWiG-Gesundheitsinformationen stützen sich auf Forschungsergebnisse aus der internationalen Literatur. Wir identifizieren die zuverlässigsten aktuell verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse, insbesondere aus sogenannten „systematischen Übersichten“. Darin werden wissenschaftliche Studien zum Nutzen und Schaden von Behandlungen und anderen Maßnahmen der Gesundheitsversorgung zusammenfassend analysiert, sodass Fachleute und Betroffene deren Vor- und Nachteile abwägen können. Mehr Informationen dazu, wie systematische Übersichten aufgebaut sind und warum sie die zuverlässigsten Belege liefern, finden Sie in der Rubrik „Geprüfte Medizin“. Außerdem lassen wir unsere Gesundheitsinformationen begutachten, um ihre medizinische und wissenschaftliche Korrektheit sicherzustellen.
Bakola E, Skapinakis P, Tzoufi M, Damigos D, Mavreas V. Anticonvulsant drugs for pediatric migraine prevention: an evidence-based review. Eur J Pain 2009; 13(9): 893-901. [Zusammenfassung]
Damen L, Bruijn J, Verhagen AP, Berger MY et al. Prophylactic treatment of migraine in children. Part 2. A systematic review of pharmacological trials. Cephalalgia 2006; 26: 497-505. [Zusammenfassung]
Hierzu passende Themenbereiche:
Besucher, die diese Seite besuchten, haben auch folgende Seiten aufgerufen:
Bewertet durch
„Relevant, objektiv und unabhängig“


