Prävention: Schaden bestimmte Nahrungsergänzungsmittel mehr, als sie nutzen?
Viele Menschen nehmen Antioxidantien wie Vitamin C oder Betakarotin als Nahrungsergänzungsmittel ein. Sie hoffen, damit ihre Gesundheit im Allgemeinen zu fördern und Krankheiten vorzubeugen. Es wird sogar behauptet, dass diese Substanzen das Leben verlängern können, indem sie vor tödlichen Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs schützen.
Wie kommt es zu dieser Annahme? In unseren Körperzellen laufen äußerst komplexe Prozesse ab, die einen Einfluss auf die Entstehung von Krankheiten haben können. Bei der in den Zellen stattfindenden Oxidation reagieren Moleküle im Körper mit dem Sauerstoff, den wir über die Atmung aufnehmen. Bei diesem Prozess entstehen auch die sogenannten freien Radikale; das sind Atome und Moleküle, die Zellen angreifen und schädigen können. Es wird diskutiert, ob die freien Radikale unter anderem Krebs begünstigen und ob Antioxidantien das Krebsrisiko entsprechend senken könnten. Antioxidantien sind Stoffe, die die Produktion der freien Radikale in unserem Körper verringern.
Die Vitamine A, C, E, Betakarotin und in Selen haben eine antioxidative Wirkung. Sie finden sich vor allem in Obst und Gemüse. Vielen Menschen reicht das jedoch nicht, und sie erhoffen sich, ihrer Gesundheit etwas Gutes zu tun, wenn sie außerdem Nahrungsergänzungsmittel einnehmen oder angereicherte Lebensmittel zu sich nehmen.
Studien zur Langzeiteinnahme von antioxidativen Nahrungsergänzungsmitteln
Forscherinnen und Forscher der Cochrane Collaboration wollten wissen, ob eine tägliche Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln belegbare Vorteile hat oder ob sie im Gegenteil sogar schaden kann. Konkret wollten sie herausfinden: Können antioxidative Nahrungsergänzungsmittel helfen, länger zu leben? Sie fanden recht viele Studien - insgesamt 67 -, an denen insgesamt über 230.000 Erwachsene teilgenommen hatten. Das stellte eine gute Grundlage für die Bewertung des Nutzens dar.
Die Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer nahmen über kurze oder längere Zeit, teils viele Jahre, entweder ein oder mehrere Antioxidantien, ein Placebo (Scheinmedikament) oder kein Mittel ein. Bei Studienbeginn waren die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer gesund. Ein Viertel von ihnen hatte unterschiedliche Vorerkrankungen (beispielsweise von Magen / Darm, Herz, Haut oder Nieren).
Die Teilnehmenden nahmen meist wesentlich höhere Mengen der Antioxidantien ein, als man im Rahmen einer ausgewogenen Ernährung konsumiert. So hoch waren die - in der Regel täglichen - Dosen in den Studien:
- Vitamin C: zwischen 60 und 2000 mg (in 33 Studien)
- Betakarotin: von 1,2 bis zu 50,0 mg pro Tag (in 24 Studien)
- Vitamin E: zwischen 10 und 5000 IE (Internationale Einheiten) (in 24 Studien)
- Vitamin A: von 1333 bis zu 200.000 IE (in 16 Studien)
- Selen: zwischen 20 und 200 Mikrogramm (in 21 Studien)
Die meisten Mittel bestanden aus Kombinationen verschiedener Vitamine. Die Studien dauerten bis zu zwölf Jahren. Die durchschnittliche Dauer aller Untersuchungen betrug etwas weniger als drei Jahre.
Ein genereller Nutzen ist nicht nachgewiesen - ein Schaden ist jedoch nicht ausgeschlossen
Die Resultate waren beunruhigend: Antioxidative Nahrungsergänzungsmittel halfen insgesamt nicht dabei, länger zu leben. Im Gegenteil: Es gab sogar Hinweise, dass einige Mittel einen früheren Tod wahrscheinlicher machten. Die Ergebnisse galten sowohl für die gesunden Teilnehmerinnen und Teilnehmer, als auch für die mit Erkrankungen zu Beginn der Untersuchungen. Sie betreffen jedoch nicht alle Nahrungsergänzungsmittel.
Allerdings ging aus den Studien nicht genau hervor, an welchen Krankheiten die Menschen vermehrt starben - die Forscherinnen und Forscher nahmen an, dass es am ehesten Krebs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen waren.
Selen und Vitamin C erhöhten die Sterblichkeit nicht. Es gab aber keinen eindeutigen Beleg, dass Vitamin C vor einem früheren Tod schützt. Ein Nutzen ist dennoch nicht ganz ausgeschlossen. In diesen Studien hat die Einnahme von Selen das Risiko, innerhalb eines Jahres zu versterben, geringfügig gesenkt. Welche Personen genau davon profitieren könnten und auf welche Weise Selen wirkt, ist noch unklar.
In qualitativ hochwertigen Studien führten Nahrungsergänzungsmittel mit Vitamin A, E und Betakarotin jedoch alle zu einer erhöhten Sterblichkeit. Schaut man sich beispielsweise die Ergebnisse dieser Studien zu Vitamin-E-haltigen Nahrungsergänzungsmitteln an, zeigt sich: In der Gruppe, die diese Mittel eingenommen hatte, starben von 100 Personen 3 mehr (3 %) als in der Gruppe, die Placebos oder kein Mittel erhielt.
Antioxidantien können auch andere unerwünschte Wirkungen haben. Vitamin E, Betakarotin und Selen können beispielsweise Verstopfung, Durchfall und Blähungen hervorrufen. Wenn man sehr große Mengen Vitamin A und C einnimmt, kann Juckreiz auftreten.
Offene Fragen
Obwohl Laborversuche auf eine schützende Wirkung der Antioxidantien hindeuteten, geschah genau das Gegenteil, wenn Menschen sie über längere Zeit einnahmen. Trotz der vielen Studien können jedoch noch nicht alle Fragen beantwortet werden. So ist es unklar, ob Antioxidantien für Menschen mit Mangelernährung oder speziellen Erkrankungen einen Nutzen haben können. Zudem ist noch nicht geklärt, wie die Antioxidantien im Körper genau wirken, besonders wenn verschiedene Mittel zusammen eingenommen werden.
Mittlerweile gibt es sogar Tierversuche, die auf einen schützenden Einfluss der freien Radikale hindeuten. Aber auch diese Ergebnisse sollten mit Vorsicht interpretiert werden. Die Erfahrung mit der Langzeiteinnahme von Antioxidantien als Nahrungsergänzung zeigt: Jede neue Theorie muss in qualitativ guten Langzeitstudien am Menschen getestet werden.
Ausgewogene Ernährung schützt ausreichend
Die Cochrane-Analyse liefert keinen Beleg dafür, dass antioxidative Nahrungsergänzungsmittel vor Krebs und anderen lebensbedrohlichen Erkrankungen schützen. Zu hohe Dosen können das Erkrankungsrisiko sogar erhöhen. Das bedeutet jedoch natürlich nicht, dass man diese Stoffe meiden sollte: Der Körper braucht diese Vitamine und Mineralstoffe und bekommt sie normalerweise durch eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Obst und Gemüse. Nur eine Überdosierung mit Nahrungsergänzungsmitteln scheint riskant zu sein.
Derzeit gibt es weder in Deutschland noch in anderen europäischen Ländern verbindliche Empfehlungen zu Höchstmengen für Inhaltsstoffe von Nahrungsergänzungsmitteln. Es ist jedoch vorgesehen, europaweit gültige Höchstmengen für Vitamine und wichtige Mineralstoffe festzusetzen. Mehr über Nahrungsergänzungsmittel können Sie in unserem Merkblatt lesen. Informationen über die aktuellen Empfehlungen des Bundesinstituts für Risikobewertung finden Sie hier.
Autor: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)
- Erstellt am: 02. Oktober 2008 10:45
- Letzte Aktualisierung: 08. Oktober 2008 13:36
- Historie: Liste anzeigen
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Quelle:
Bjelakovic G, Nikolova D, Gluud LL, Simonetti RG, Gluud C. Antioxidant supplements for prevention of mortality in healthy participants and patients with various diseases. Cochrane Database of Systematic Reviews 2008, Issue 2. [Cochrane-Zusammenfassung]
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