Merkblatt: Seelischer Umgang mit einem Schlaganfall

Foto von Händen eines älteren Paares
Trauer und Niedergeschlagenheit sind nach einem Schlaganfall normal. Je nachdem wie schwer ein Schlaganfall war, kann er einen enormen Einschnitt in das Leben eines Menschen bedeuten. Es ist leicht nachvollziehbar, wenn Menschen, die vor der Erkrankung selbstständig gelebt haben und nun auf Hilfe angewiesen sind, erst einmal damit zu tun haben, mit den Folgen des Schlaganfalls zurechtzukommen - sowohl psychologisch als auch, was die praktischen Dinge ihres Alltags betrifft. Eine Behandlung kann Menschen helfen, mehr Unabhängigkeit zurückzugewinnen. Die meisten Betroffenen und ihre Familien schaffen es mit der Zeit, ihr Leben den Veränderungen durch die Erkrankung so gut es geht anzupassen.

Manche entwickeln als Folge des Schlaganfalls jedoch eine behandlungsbedürftige Depression. Hält sie über längere Zeit an, kann sie den Gesundheitszustand des Menschen verschlechtern. Oft werden solche Depressionen nicht erkannt, oder eine schlechte seelische Verfassung wird als normale Reaktion angesehen und nichts dagegen unternommen. Es ist nach einem Schlaganfall nicht immer einfach, tiefe Traurigkeit von einer Depression zu unterscheiden. Wichtig ist, dass Betroffene und ihre Familien nach einem Schlaganfall die Unterstützung erhalten, die sie benötigen, um eine depressive Erkrankung zu vermeiden, oder Hilfe bekommen, wenn sich bereits eine Depression entwickelt hat und über Wochen oder gar Monate andauert.

Warum bekommen manche Menschen nach einem Schlaganfall eine Depression und andere nicht?

Es ist schwierig zu beurteilen, wie viele Menschen nach einem Schlaganfall eine behandlungsbedürftige Depression bekommen. Schätzungen gehen davon aus, dass sich bei etwa einem Drittel der Erkrankten eine Depression entwickelt. Sie wird manchmal als Post-Stroke-Depression (PSD; stroke = englisch für Schlaganfall) bezeichnet.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind sich noch nicht darüber einig, ob eine PSD vorwiegend körperliche oder psychische Ursachen hat. Bei einem Schlaganfall, auch "Hirnschlag" genannt, wird ein Teil des Gehirns geschädigt, weil seine Durchblutung unterbrochen wird und er dadurch zuwenig Sauerstoff bekommt. Manche Fachleute argumentieren, dass die durch den Schlaganfall ausgelösten Gehirnschäden auch das Gefühlsleben verändern können. Andere sehen die Entwicklung einer Depression eher als Reaktion auf die körperlichen und geistigen Einschränkungen durch den Schlaganfall. Dies wird "reaktive Depression" genannt.

In den ersten Wochen müssen die Menschen mit der Erfahrung einer lebensbedrohlichen Situation umgehen und sich von der körperlichen Belastung erholen. Mittel- und langfristig müssen manche Menschen lernen, mit vielleicht dauerhaften Behinderungen und ihren Folgen für das persönliche und soziale Lebensumfeld umzugehen. Dies gelingt nicht allen, und einige könnten eine Depression entwickeln.

Nach schweren Schlaganfällen treten Depressionen häufiger auf als nach leichteren; ebenso bei Menschen, die schon einmal eine Depression durchgemacht haben. Das Ausmaß der Depression hängt oft davon ab, wie stark die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit eines Menschen eingeschränkt ist. Es gibt Hinweise aus Studien, dass auch die soziale Situation, die Wohnverhältnisse und die verfügbare Unterstützung die Entstehung einer PSD beeinflussen können. Wenn Betroffene und ihre helfenden Angehörigen gute Informationen und ausreichende Unterstützung bekommen, könnte dies die Wahrscheinlichkeit senken, dass sie depressiv werden.

Einige andere mögliche Einflüsse sind allerdings bisher nur schlecht untersucht. So ist unklar, inwieweit Sprach- und / oder Verständnisstörungen (Aphasien), Anzeichen von Verwirrtheit oder Demenz die Entstehung von Depressionen beeinflussen. Bei manchen Menschen verschwindet eine PSD nach einiger Zeit auch ohne Behandlung von selbst. Die meisten Menschen, die nach einem Schlaganfall bereits seit Monaten deprimiert sind, benötigen allerdings Hilfe, um diese Erkrankung zu überwinden.

Woran erkennt man eine Depression nach einem Schlaganfall?

Es ist wichtig, den Unterschied zwischen einer Depression und einer durch die Erkrankungsfolgen ausgelösten Niedergeschlagenheit zu erkennen. Auch wenn ein Schlaganfall wie jede Krise im Leben auch unerwartete, positive Entwicklungen nach sich ziehen kann, gibt es natürlich viele Gründe zum Traurigsein: Oft ist eine Körperseite gelähmt, dadurch sind die Beweglichkeit und die Selbstständigkeit stark eingeschränkt. Alltagsfähigkeiten wie die Körperpflege und das Essen fallen schwer und sind häufig nur mit fremder Hilfe möglich. Die Lähmung stört zudem das Körpergefühl, da die gelähmte Seite schlecht bis gar nicht mehr wahrgenommen wird. Sprach- und Verständnisstörungen bedeuten eine zusätzliche Belastung: Es kann sehr deprimierend sein, sich nicht mehr oder nur eingeschränkt verständlich machen zu können. Manche Menschen wirken vielleicht auch nur deprimiert, weil sie ihre Gefühle nicht mehr so einfach äußern können wie vor dem Schlaganfall. Eine Depression nach einem Schlaganfall zu erkennen, ist also keine leichte Aufgabe.

Eine PSD lässt sich genau wie eine "normale" Depression an folgenden Anzeichen erkennen:

  • tiefe Traurigkeit
  • Interessenverlust
  • Antriebslosigkeit
  • Konzentrationsstörungen
  • geringes Selbstwertgefühl
  • Schlafstörungen

Wenn mehrere dieser Symptome über mehr als zwei Wochen andauern, kann das ein Zeichen für eine Depression sein. Es ist wichtig, sich ärztlich beraten zu lassen, wenn Sie glauben, dass es sich um eine Depression handeln könnte - damit die Ärztin oder der Arzt abklären kann, ob die Symptome "normal" oder ein Krankheitszeichen sind. Wenn die Depression gerade erst begonnen hat, wird der Betroffene vermutlich nach wenigen Wochen noch einmal untersucht, ob zu sehen, ob sich sein Gemütszustand geändert hat. Wenn ein Mensch zum Beispiel anfängt, mehr Alkohol zu trinken als gewöhnlich, könnte dies ebenfalls ein Zeichen sein, dass sie oder er starke Probleme hat, mit den Krankheitsfolgen psychisch fertig zu werden.

Was sind die Folgen einer Depression für Patienten und Angehörige?


Eine Depression kann die Genesung nach einem Schlaganfall verzögern. Ob sich die krankheitsbedingten Einschränkungen bessern oder nicht, hängt auch davon ab, wie stark die Patientinnen und Patienten bereit sind, aktiv an ihrer Therapie mitzuarbeiten. So können beispielsweise körperliche Übungen helfen, die Lähmungen auf der betroffenen Körperseite zu mindern. Oft dauert die Genesung jedoch sehr lange und erfordert viel Geduld und Motivation. Für depressive Menschen ist es schwieriger, sich zu motivieren. Sie sind vielleicht gar nicht in der Lage, so intensiv an der Wiederherstellung ihrer Fähigkeiten zu arbeiten wie nicht depressive Menschen. All dies kann ihre Gesundung verzögern oder ihre körperliche und geistige Leistungsfähigkeit sogar vermindern.

Eine Depression kann auch bei pflegenden Angehörigen auftreten. Wenn die Person deprimiert ist, die einen Menschen nach einem Schlaganfall betreut, ist es für sie natürlich schwieriger, diesen so zu unterstützen, wie sie es gern tun würde. Auch für die oder den Betroffenen kann es dann schwerer werden, mit den eigenen Gefühlen umzugehen. Auf das Wohl der Helfenden zu achten, ist deshalb nicht nur für diese selbst und andere Familienangehörige wichtig, sondern auch für den Menschen, der den Schlaganfall hatte. Helferinnen und Helfern ausreichend Unterstützung zu geben, ist Teil einer guten Betreuung und Pflege von Schlaganfallpatienten. Einen Angehörigen nach einem Schlaganfall zu pflegen, kann eine sehr lohnende und bereichernde Erfahrung sein. Die Pflege kann aber, zumindest zeitweise, auch sehr fordernd und anstrengend sein.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Depressionen werden oft mit Medikamenten (Antidepressiva) und / oder psychologischen Maßnahmen behandelt, wie zum Beispiel psychologische Beratungen oder psychotherapeutische Verfahren. Die Möglichkeiten zur Behandlung von Depressionen beinhalten Unterstützung, das Erkennen eigener Denkmuster und Training darin, mit Stress umzugehen, oder zu lernen, sich zu entspannen. Manche Menschen wenden auch alternative (komplementäre) Behandlungen an, wie zum Beispiel Massage oder pflanzliche Mittel mit Inhaltsstoffen wie Johanniskraut (Hypericum).

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Cochrane Collaboration haben nach Studien gesucht, die zeigen können, ob diese Therapien zur Behandlung einer PSD sinnvoll sind. Es gab nicht viele Studien, die Therapien ausdrücklich bei Menschen mit Depressionen nach einem Schlaganfall untersucht haben. Es wurden nur Antidepressiva und psychologische Maßnahmen untersucht, und keine dieser Methoden sind so gründlich geprüft worden, dass sich sagen ließe, welche am besten geeignet wäre. Über die Forschung können Sie hier mehr lesen.

Die Forschergruppe zog den Schluss, dass einige Antidepressiva Menschen mit einer PSD zwar vielleicht helfen könnten, möglicherweise jedoch nicht auf die gleiche Weise wirken wie bei "normalen" Depressionen. Zudem ist die Anwendung von Antidepressiva bei PSD noch nicht ausreichend geprüft, beispielsweise bei Menschen mit Sprach- und Verständnisstörungen. Außerdem können sie unerwünschte Wirkungen wie Benommenheit und Verdauungsprobleme haben. Bei Menschen nach einem Schlaganfall könnten manche Mittel zu besonderen Problemen führen.

Antidepressiva wirken auf das Gehirn. Bei Menschen nach einem Schlaganfall könnten sie zum Beispiel das Risiko für Stürze und Krampfanfälle erhöhen. Deshalb ist mehr Forschung nötig, um sicher zu sein, dass die Medikamente das Risiko für solche Probleme nicht erhöhen. Antidepressiva können zudem die Wirkung anderer Medikamente beeinflussen ("Wechselwirkungen"). Aus diesen und anderen Gründen werden Ärztinnen und Ärzte Menschen mit PSD, die Antidepressiva einnehmen, sorgfältig überwachen, weil es notwendig sein könnte, die Mittel wieder abzusetzen oder das Medikament zu wechseln.

Medikamente sind jedoch nicht die einzige Behandlungsmöglichkeit. Leider gibt es noch nicht genug Forschungsergebnisse, um sicher zu beurteilen, welche psychologischen Maßnahmen hilfreich sein könnten. Die Cochrane-Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftler fanden keine Studien, die nachweisen, dass bestimmte psychotherapeutische Verfahren Depressionen nach Schlaganfällen tatsächlich mildern können. Andere Cochrane-Forschungsarbeiten zu Studien zur Wirkung von Information und Unterstützung für Menschen mit Schlaganfall und ihre Betreuer zeigten, dass dies helfen konnte, Depressionen zu lindern. Allerdings reichte der Nutzen dieser Maßnahmen nicht aus, um die Beschwerden bei starken Depressionen zu verringern.

Medikamente und psychologische Maßnahmen sind nicht die einzigen Möglichkeiten, um Depressionen vorzubeugen und zu behandeln. So kann die ganz alltägliche Unterstützung durch Angehörige oder Pflegekräfte eine wichtige Rolle im Genesungsprozess spielen. Je besser die Erkrankten begleitet werden, desto erfolgreicher ist möglicherweise die Rehabilitation nach einem Schlaganfall. Eine gute körperliche Genesung kann sich wiederum positiv auf die psychische Gesundheit auswirken.

Wie kann man Menschen mit einer PSD unterstützen?


Die Genesung nach einem Schlaganfall gelingt besser, wenn alle Beteiligten die Behandlung intensiv unterstützen. Studien konnten zeigen, dass eine besonders gut organisierte Behandlung, an der Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte, Physiotherapeuten und Angehörige beteiligt sind, die langfristige Genesung fördern kann. Es ist auch erwiesen, dass Ergotherapie helfen kann, bestimmte Körperfunktionen wiederzuerlangen. Dabei werden alltägliche Verrichtungen wie Waschen, Anziehen oder Haushaltstätigkeiten geübt. Eine erfolgreiche Rehabilitation setzt eine hohe Motivation voraus, kann aber den entscheidenden Unterschied im Leben der Menschen nach einem Schlaganfall ausmachen. Über Ergotherapie und Physiotherapie nach einem Schlaganfall können Sie hier mehr lesen.

Menschen mit Depressionen lassen sich meist nicht mit einfachen Ermunterungsversuchen oder Ratschlägen motivieren. Mit ihrer Erkrankung umzugehen, erfordert viel Einfühlsamkeit und Geduld - besonders, da der Gemütszustand bei einer Depression stark schwanken kann. Und bei jedem Menschen verläuft eine Depression anders. Bei alten Menschen können sich Depressionen anders äußern als bei jungen, sie haben beispielsweise häufiger körperliche Schmerzen. Und auch Depressionen nach Schlaganfällen haben möglicherweise einen eigenen Charakter. Viele Unterstützungsmöglichkeiten sind wissenschaftlich bisher zwar noch wenig untersucht, dennoch gibt es einige Strategien, die für Angehörige von depressiven Menschen hilfreich sein können. Darüber können Sie hier mehr lesen.

Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl von Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen, die Erkrankten und ihren Angehörigen Hilfestellungen bei verschiedensten pflegerischen, finanziellen oder psychosozialen Anliegen geben können. Viele Städte und Gemeinden unterhalten beispielsweise Pflegeberatungsstellen, deren Angebot kostenlos ist. Angehörige können zudem Pflegekurse besuchen, in denen unter anderem Grundkenntnisse über Pflegetechniken vermittelt werden. Einen Angehörigen nach einem Schlaganfall zu betreuen, kann eine große Herausforderung bedeuten, aber es gibt viele Unterstützungsmöglichkeiten.


Autor: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)

  • Erstellt am: 08. Juli 2008 15:50
  • Letzte Aktualisierung: 06. November 2008 13:47
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