Grippe: Helfen antivirale Grippemittel und welche Nebenwirkungen haben sie?
Die Influenza ("Grippe") ist eine Infektion der oberen Atemwege. Fast alle, die an Grippe erkranken, erholen sich innerhalb von einer Woche wieder. Husten und Krankheitsgefühl können aber noch ein bis zwei Wochen danach anhalten. Kinder, ältere und ernsthaft erkrankte Menschen haben allerdings ein höheres Risiko für einen schweren Verlauf der Infektion und für Komplikationen, wie zum Beispiel eine Lungenentzündung (Pneumonie). Weil die Infektion vor allem in diesen Risikogruppen häufig auftritt, sterben an Grippe-Komplikationen jedes Jahr Tausende von Menschen. Das Risiko für ansonsten gesunde Menschen, an einer der verbreiteten Influenza-Arten zu sterben, ist sehr gering.
Influenza kann eine Vielzahl von Beschwerden hervorrufen, darunter Fieber, Schüttelfrost, Muskelschmerzen, starke Abgeschlagenheit, Kopf- und Halsschmerzen, Husten und eine verstopfte Nase. In unserem Spezial finden Sie mehr zur Grippe und anderen Atemwegsinfektionen.
Die Influenza wird durch Viren verursacht. Viele andere Infektionskrankheiten werden von Bakterien verursacht und können mit Antibiotika wirksam behandelt werden. Bei der Grippe können Antibiotika jedoch gegen die auslösenden Influenza-Viren nichts ausrichten. Medikamente, die die Vermehrung der Viren im Körper bekämpfen, nennt man "Virostatika" oder "antivirale" Medikamente. Gegen Influenza wurden vier antivirale Mittel entwickelt. Sie sind verschreibungspflichtig. Die beiden älteren Medikamente Amantadin (Handelsname Symmetrel) und Rimantadin (in Deutschland nicht erhältlich) richten sich nur gegen Viren der so genannten "Typ-A-Influenza".
Zwei neuere Mittel bekämpfen sowohl die "Typ-A" als auch die "Typ-B-Influenza". Dabei handelt es sich um Oseltamivir (Handelsname Tamiflu) und Zanamivir (Handelsname Relenza). Diese neueren Medikamente gehören zur Klasse der "Neuraminidaseinhibitoren" - das bedeutet, sie hemmen ein Protein (Neuraminidase), das das Virus braucht, um sich im Körper vermehren zu können. Über Grippemittel können Sie hier mehr lesen. In dieser Kurzantwort berichten wir detaillierter über die Forschung zur Wirkung dieser Mittel.
Antivirale Medikamente müssen bereits bei Beginn der Infektion eingenommen werden, um überhaupt eine Wirkung entfalten zu können. Da die Krankheit innerhalb von einer Woche abklingt, ist es für die Einnahme der Medikamente wahrscheinlich zu spät, wenn die Symptome bereits mehrere Tage bestehen. Das Medikament kann auch von den Angehörigen eines Grippekranken angewendet werden, um sich vor einer Ansteckung zu schützen. Bei dieser Art der Anwendung spricht man von vorbeugender Behandlung ("Prophylaxe" oder "Präventivtherapie"). Vermutlich werden diese Medikamente auch eingesetzt, falls es zu einer größeren Grippeepidemie kommen sollte - auch durch einen neuen Influenzatyp wie der Vogelgrippe ("aviäre Influenza").
Wissenschaftler aus Italien und Australien haben nach klinischen Studien gesucht, in denen antivirale Grippemedikamente erprobt wurden. Sie fanden 52 Studien: 19 zu einem der neueren Mittel (Oseltamivir und Zanamivir) sowie 33 Studien, in denen Amantadin, Rimantadin oder beide untersucht wurden. Einige Studien prüften die vorbeugende Anwendung, einige die therapeutische, und andere eine Mischung aus Vorbeugung und Therapie. Die Teilnehmer an diesen Studien waren zwischen 16 und 65 Jahre alt und, abgesehen von ihrer Grippe, gesund. An den Studien zu Tamiflu oder Relenza nahmen knapp 12.000 Personen teil, an denen zu Amantadin und Rimantadin rund 27.000.
Die Wissenschaftler kamen zu dem Schluss, dass Amantadin und Rimantadin einer Influenza nicht sehr wirksam vorbeugen können. Die Grippeviren können gegen diese Medikamente recht schnell widerstandsfähig (resistent) werden. Keiner der beiden Wirkstoffe wirkt deutlich besser als der andere. Wendet man die Mittel innerhalb von 48 Stunden nach Beginn der Symptome an, könnten sie die Grippe um etwa einen Tag verkürzen. Amantadin verursacht jedoch Übelkeit, Schlaflosigkeit und Halluzinationen. Zu Rimantadin gibt es weniger Studien. Aus den vorhandenen Forschungsergebnissen zogen die Wissenschaftler den Schluss, dass diese Mittel aufgrund ihres Risikos für unerwünschte Wirkungen und der geringen Aussicht auf einen Nutzen für eine breite Anwendung ungeeignet sind.
Neuraminidasehemmer: Tamiflu und Relenza
Die Studien zu Oseltamivir und Zanamivir erbrachten etwas bessere Ergebnisse. Beide Medikamente senken nachweislich das Erkrankungsrisiko, wenn sie eingenommen werden, nachdem man engen Kontakt mit einem grippekranken Menschen hatte und bevor Krankheitssymptome auftreten. Die Schutzwirkung kann 60 bis 90 % erreichen, wenn der Kontakt zum Beispiel mit einem an Grippe erkrankten Angehörigen bestand. Bei Menschen, die keinen direkten Kontakt mit Grippekranken hatten, wirkt der Schutz deutlich weniger. Auch diese Medikamente haben unerwünschte Wirkungen, was ihre breite Anwendung bei nicht erkrankten Personen problematisch macht.
Zusätzlich mindestens 5 % der Studienteilnehmer (einer von 20), die Oseltamivir zur Vorbeugung einnahmen, hatten je nach Dosishöhe mit Übelkeit zu tun. Bei höheren Dosierungen als 75 mg täglich können auch mehr Menschen Übelkeit verspüren. Aus den Studien zu Zanamivir sind weniger Angaben verfügbar. Es gibt außerdem nicht genügend Informationen über unerwünschte Wirkungen dieser Medikamente, wenn sie zur Behandlung eingesetzt werden, da die Nebenwirkungen der Antigrippemittel den Grippesymptomen sehr ähneln. Das macht es schwer, sie voneinander zu unterscheiden.
Einigen Berichten zufolge traten bei jungen Menschen nach der Einnahme von Oseltamivir (Tamiflu) psychische Veränderungen auf; es soll Fälle von Selbsttötungen gegeben haben. Bislang ist nicht sicher, ob diese Ereignisse tatsächlich durch das Medikament ausgelöst wurden. Die US-Arzneimittelzulassungsbehörde FDA ist jedoch dabei, die Sicherheit dieser Wirkstoffe für Kinder erneut zu prüfen. Auch die europäische Behörde EMEA geht Sicherheitsbedenken nach.
Oseltamivir und Zanamivir können die Krankheitsdauer etwas verkürzen. Außerdem senken beide Mittel die Wahrscheinlichkeit, eine grippebedingte Komplikation zu bekommen, wie etwa eine Lungenentzündung. Oseltamivir (Tamiflu) ist als Tablette erhältlich, Zanamivir (Relenza) in Form von Pulver, das mit einem Inhalator durch den Mund (nicht durch die Nase) eingeatmet wird.
Sowohl Oseltamivir als auch Zanamivir sind in Fällen eingesetzt worden, in denen sich Menschen mit dem Vogelgrippe-Virus angesteckt hatten. Die Wissenschaftler berichteten jedoch, dass ihre Untersuchungen keine Schlussfolgerungen über die Wirkung der Medikamente bei Vogelgrippe erlauben. Für keines der beiden Medikamente konnte gezeigt werden, dass sie die Anzahl der Viren (Viruslast) in den Nasen von Grippekranken entscheidend beeinflussen. Dieser Befund ist wichtig, weil sich die Influenza meist durch virushaltige Tröpfchen aus der Nase überträgt. Daher sind Menschen, die diese Grippemedikamente einnehmen, wahrscheinlich genauso ansteckend wie Menschen, die die Mittel nicht einnehmen. Sie können das Virus also auch genauso verbreiten wie diese. Der wichtigste Ratschlag bei einem Grippeausbruch bleibt daher darauf zu achten, dass sich die Infektion nicht weiter ausbreitet. Mehr dazu können Sie in unserem Merkblatt nachlesen.
- Erstellt am: 29. Januar 2008 10:00
- Letzte Aktualisierung: 30. Januar 2008 14:49
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Quelle: Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfARM). Tamiflu und Suizidfälle. Berlin: BfARM. November 2005. [Volltext]
European Medicines Agency (EMEA). European Medicines Agency update on the safety of Tamiflu. London: EMEA. November 2005. [Volltext]
Food and Drug Administration (FDA). Caution on Neuropsychiatric Events with Tamiflu. Rockville: FDA. Januar 2007. [Volltext]
Jefferson T, Demicheli V, Rivetti D, Jones M et al. Antivirals for influenza in healthy adults: systematic review. Lancet 2006; 367: 303-313. [PubMed-Zusammenfassung]
Jefferson TO, Demicheli V, Di Pietrantonj C, Jones M, Rivetti D. Neuraminidase inhibitors for preventing and treating influenza in healthy adults. Cochrane Database of Systematic Reviews 2006, Issue 3. [Cochrane-Zusammenfassung]
Jones M, Del Mar C. Safety of neuroaminidase inhibitors for influenza. Expert Opinion Drug Safety 2006; 5: 603-608. [Volltext]
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