Frühgeburt: Hilft es dem Neugeborenen, wenn die Mutter vor der Geburt Kortikosteroide bekommt?
Von Frühgeburtlichkeit spricht man, wenn ein Kind vor der 37. Schwangerschaftswoche geboren wird. Bei sehr früh Geborenen können Atemprobleme auftreten, weil ihre Lungen noch nicht ausgereift sind. Kortikosteroide sind künstlich hergestellte Abkömmlinge natürlicher menschlicher Hormone. Im Zeitraum ungefähr zwischen der 26. und 33. Schwangerschaftswoche können diese Medikamente die Lungenreifung beim Ungeborenen beschleunigen. Wenn die Mutter die Medikamente in Form von Spritzen vor der Geburt des Kindes gespritzt bekommt, können sie die Lunge des Ungeborenen erreichen. Selbst ein einziger Behandlungstag kann sich positiv auf die Lungenreifung auswirken. Weitere Informationen zu Kortikosteroiden und Frühgeburtlichkeit können Sie unserem Merkblatt entnehmen.
Wissenschaftlerinnen der Cochrane Collaboration haben nach hochwertigen klinischen Studien zur Anwendung von Kortikosteroiden vor der Geburt (so genannte pränatale oder antenatale Steroidbehandlung) gesucht. Dies schloss die Frage ein, wie viele Neugeborene verstarben und bei wie vielen schwerwiegende Komplikationen auftraten.
Die Wissenschaftlerinnen fanden 21 Studien, die geeignet waren, Antworten auf ihre Fragen zu geben. Diese Studien schlossen mehr als 3800 Frauen ein, bei denen eine Frühgeburt wahrscheinlich war. Darunter waren auch einige mit Mehrlingsschwangerschaften (Zwillinge oder mehr), sodass die Wissenschaftlerinnen einige Ereignisse bei mehr als 4200 Neugeborenen untersuchen konnten.
Die Zusammenfassung der Ergebnisse aus den Studien ergab, dass die pränatale Steroidbehandlung die Anzahl der Säuglinge verringerte, die zwar lebend geboren wurden, aber in den Wochen danach verstarben (Neugeborenenmortalität). Pro 1000 Mütter, die Kortikosteroide einnahmen, blieben zusätzlich 47 Neugeborene am Leben.
Bei manchen Neugeborenen treten schwerwiegende Atemprobleme auf. Die medizinische Bezeichnung hierfür lautet "neonatales Atemnotsyndrom" (Respiratory Distress Syndrome, RDS). Alle 21 Studien berichteten darüber. Es zeigte sich, dass der Anteil der Geburten, bei denen das Neugeborene an einem Atemnotsyndrom erkrankt war, von 26 auf knapp über 17 % sank, wenn die Mütter zuvor Kortikosteroide erhalten hatten. Das bedeutet: Mit der Behandlung können schwerwiegende Atemprobleme bei der Geburt bei zusätzlichen 9 von 100 Neugeborenen vermieden werden.
Ein weiteres ernsthaftes Risiko für Frühgeborene sind Hirnblutungen (zerebrale oder intraventrikuläre Hämorrhagie). Die pränatale Steroidbehandlung verringerte dieses Risiko von 11 auf 6 von 100 Säuglingen (von 11 auf 6 %). Ferner war es bei Säuglingen, deren Mütter Kortikosteroide erhalten hatten, nur halb so wahrscheinlich, dass sich bei ihnen eine nekrotisierende Enterokolitis (NEC) entwickelte (Senkung von knapp über 6 auf 3 %). Eine NEC ist eine gefährliche Entzündungskrankheit des kindlichen Darms.
Für die Babies schienen die Kortikosteroide nicht mit einem Risiko für erhebliche schädliche Wirkungen verbunden zu sein. Wo längerfristige Ergebnisse für die Kinder verfügbar waren, hatte es nicht den Anschein, als ob das Wachstum oder die Entwicklung der Säuglinge durch die Kortikosteroide beeinträchtigt worden wären, die ihre Mütter vor der Geburt bekommen hatten.
Es gibt Bedenken, dass die Gabe mehrerer Kortikosteroidzyklen bei den Kindern zu Schäden führen könnte. Ein Zyklus bedeutet normalerweise mindestens zwei Spritzen innerhalb eines Tages. Dieses potenzielle Risiko ließe sich möglicherweise durch die Gabe nur eines Kortikosteroidzyklus oder - wenn mehrere Zyklen verabreicht werden - durch geringere Dosen vermeiden.
Ein einziger Kortikosteroidzyklus schien bei der Mutter keine unmittelbaren unerwünschten Wirkungen hervorzurufen. Allerdings entwickelten mehr Frauen, die Kortikosteroide einnahmen, nach der Geburt eine Sepsis (schwere bakterielle Infektion). Um die Frage, ob es sich dabei um Zufall handelt oder ob tatsächlich ein erhöhtes Sepsisrisiko besteht, sicher beantworten zu können, sind weitere Studien erforderlich.
Die Neugeborenen profitierten von der mütterlichen Steroidbehandlung, selbst wenn diese erst einen Tag vor der Geburt erfolgte. Die Kortikosteroide waren auch bei Müttern wirksam, die Bluthochdruck (Hypertonie) haben oder bei denen die Fruchtblase schon einige Zeit vor der Geburt geplatzt war (vorzeitiger Blasensprung).
- Erstellt am: 14. März 2008 07:32
- Letzte Aktualisierung: 24. Oktober 2008 11:36
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Quelle:
Crowther CA, Harding JE. Repeat doses of prenatal corticosteroids for women at risk of preterm birth for preventing neonatal respiratory disease. Cochrane Database of Systematic Reviews 2007, Issue 3. [Cochrane-Zusammenfassung]
Roberts D, Dalziel S. Antenatal corticosteroids for accelerating fetal lung maturation for women at risk of preterm birth. Cochrane Database of Systematic Reviews 2006, Issue 3. [Cochrane-Zusammenfassung]
Stiles AD. Prenatal corticosteroids - early gain, long-term questions. NEJM 2007; 357: 1248-1250.
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